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Tom Watson wins the duel in the sun | The Open Official Film 1977

von Mark Horyna

Die Masters finden vielleicht im Herbst statt, die eigentlich auf Juli terminierte Open Championship ist abgesagt. Viele weitere Veranstaltungen sind gecancelt worden und noch ist völlig ungewiss, ob Tour Events in der gewohnten Form überhaupt in dieser Saison abgehalten werden können. Ein winziger Virus legt die Golfwelt in Ketten.

Wahrlich interessante Zeiten, in denen wir leben.

Wir nehmen diese merkwürdigen Umstände zum Anlass, in einer neuen Reihe auf einige im Internet zu entdeckende Perlen der Golfgeschichte aufmerksam zu machen.

Alle Fundstücke sind ohne Abo, Passwort oder Kreditkarte im Netz freiverfügbar. Natürlich, der Thrill des „Wer wird gewinnen?“ ist bei diesen Aufzeichnungen nicht gegeben, doch wer Spaß an Golfgeschichte hat, die Wiederholung legendärer Ereignisse schätzt, klassische Schwünge und hervorragende Kommentatoren, der kommt hier durchaus auf seine Kosten. 

Und unsere sachdienlichen Hinweise gibt es ebenfalls gratis.

Was passiert?

Der Titel dieser Aufzeichnung ist so deutlich, wie man es sich nur wünschen kann. Hier gibt es die offizielle Version des legendären Duells zwischen Jack Nicklaus und Tom Watson. Die letzte Runde der bei strahlendem Sonnenschein in Turnberry ausgetragenen Open gilt Kennern als einer der spannendsten Zweikämpfe in der Geschichte des gefilmten Golfs. Watson – Nicklaus – Turnberry. Das Ganze von R & A auf eine Stunde komprimiert, von einem noch „jungen“ Peter Alliss kommentiert. Muss man mehr sagen?

Was passiert noch?

Scores. Schon damals waren die Topspieler in der Lage mit Runden in den niedrigen 60ern ins Clubhaus zurückzukehren. Und während die 1977 Open immer als das Duell zweier „Golfgötter“ betrachtet wird, vergisst man vielleicht, wie gut auch das Feld in dem Jahr war. Nach 36 Löchern lagen sieben Spieler unter Par. Auch „Tex Mex“ Lee Trevino war vorne dabei. 

Was gibt’s sonst zu sehen?

Henry Cotton, Golfgott aus einer ganz anderen Zeit, hat seinen letzten Open Auftritt. Man sieht ihn in einer Sequenz in sehr coolem Outfit seine letzte Bahn spielen – er ist siebzig Jahre alt und chippt aus dem Rough fast ins Loch. Bobby Locke, ist auch zu sehen, mit strahlend weißer Mütze, die schwarze Krawatte stilsicher in die Knopfleiste seines weißen Hemds geschoben. Der viermalige Open Champion nuschelt lachend in die Kamera: „I’m hitting the ball well, but a little too often!“

Britische Fans hatten schon in den 70ern Lust, sich mit nacktem Oberkörper zu zeigen. Etwas, das ich immer interessant finde, auch wenn ich mich nicht anschließen mag. Ansonsten sieht man bei Spielern und Zuschauern unglaublich viele coole Bucket-hats und Visors. Wenn es regnet, sind die Schirme bunt und die Hauben aus dünnem Plastik. Es gibt keine Mobiltelefone und man klatscht wohlwollend freundlich. Niemand schreit „Get in the hole!“ Pros waren damals schon Markenbotschafter, doch wie Litfaßsäulen sahen sie noch nicht aus. Viele der heute so präsenten Firmen hatten sich 1977 noch nicht auf dem Golfmarkt etabliert (oder existierten nicht). Dafür sieht man einige leider fast vergessene Firmenlogos. Slazenger, Pringle’s of Scotland und Fila waren im Textilbereich dominierend. Große Kragen und Hosen ohne Gürtel. 

Wie sieht’s aus?

Großartig sieht es aus. Wie aus einer anderen Welt, das Bild etwas matschig, definitiv Fernsehen der alten Schule. Heutige Golffans werden sich wundern, wie man den Ball mit den Monsterkameras damals überhaupt folgen konnte. Kameraschwenken als Kunstform. Der Kommentar von Altmeister Alliss, der in den letzten Jahren eher durch seine unerträglichen Altherrenwitze auffällt, ist fundiert und geistreich. Ganz so also, wie man ihn heute nicht mehr kennt.

Und sonst so?

Winzige Schlägerköpfe. Stahlschäfte. Schlaghosen. Fast jedes Wetter, das man sich bei einer Open vorstellen kann. Coole 70er Musik im Hintergrund und auch viele schräge Vögel im Publikum. Britische Golfzuschauer eben. Alleine die lohnen das Schauen.

Trivia

Im Juni des Jahres veröffentlichte die Band Hot Chocolate Ihren Song „So You Win Again“. Während der Open Woche im Juli war das Lied auf Platz 1 der britischen Single Charts. Und blieb dort für weitere zwei Wochen. Ein Klassiker…

Und heute?

Watson hätte in Turnberry im Jahre 2009 die Open beinahe zum sechsten wiedergewonnen. Nur ein sehr unglücklicher Schlag auf der 18 zwang ihn – damals fast sechzig Jahre alt – in ein Playoff, das er schließlich gegen seinen Landsmann Stewart Cink verlor. Watson wäre damit der älteste Major Sieger aller Zeiten geworden. Als non-playing Captain hatte er beim Ryder Cup in 2014 ebenfalls kein Glück. Und doch können beide Ereignisse einer fast makellosen Karriere kaum etwas anhaben. Acht Major Siege, fünf Senior Majors und 67 Turniersiege insgesamt machen ihn zu einer Legende. Sein Sieg in Turnberry ist schon alleine deswegen ein unbedingter Must-See! (Zu Nicklaus kommen wir noch in einem anderen Kontext)

Über den Autor

Mark Horyna, Golfjournalist

Autor und Filmemacher Mark Horyna lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart. Seine Texte finden Sie regelmäßig im australischen „Caddie-Magazine“, der deutschen „Heritage Post“, dem schweizerischen „GolfPlus“ und dem österreichischen „Perfect Eagle“. Als „The New Gentleman Golfer“ treffen Sie ihn in den sozialen Medien und gelegentlich auch vor der Kamera. Er hat zudem Golfbetriebsmanagement (IST) studiert und ist Vorstand eines Fördervereins, der sich um den Golfnachwuchs kümmert. Sie erreichen Horyna telefonisch unter 01743330702 und per Mail:

mr.horyna@thenewgentlemangolfer.com

Portrait Mark Horyna
© Michal Zagòrski

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